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Die Silicon Valley Bank hat ein Problem namens Zinsrisiko


Wäre die Pleite der Silicon Valley Bank vermeidbar gewesen? In den USA und Europa wächst die Kritik an Regierung und Aufsichtsbehörden. Wir haben den Bankenexperten Sascha Steffen, der sich an der Frankfurt School of Finance & Management mit systemischen Risiken beschäftigt, gefragt, was die Ursachen für den Bankrott sind und wie die Bank ihn hätte vermeiden können.

ZEIT ONLINE: Herr Steffen, der Finanzsektor in den USA hat mit der Pleite der Silicon Valley Bank turbulente Tage hinter sich. Sie sind gerade in New York. Wie schätzen Sie die Lage ein, wie groß ist die Verunsicherung?

Sascha Steffen: Bis Ende vergangener Woche gab es eine große Unsicherheit. Man hat sich erinnert gefühlt an den März oder April des Jahres 2007, als die ersten Hypothekenbanken in den USA bankrott waren und eine riesige Finanzkrise folgte. Aber mit den Maßnahmen der US-Regierung und der Notenbank Fed, die am Wochenende ergriffen wurden, hat man dem Problem jetzt erst mal einen Riegel vorgeschoben. Auch wenn ich nicht weiß, ob das die beste aller Lösungen ist, um einen großen Dominoeffekt zu verhindern. Ich bin aber etwas positiver gestimmt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, in den USA werden die Maßnahmen der Regierung so eingeschätzt, dass sie wirken und die Lage beruhigen können?

Steffen: Die Zentralbank und die Regierung haben nichts anderes gemacht, als zu sagen: Wir garantierten die gesamten Einlagen von Bankkunden in den USA – und zwar über die übliche Grenze von 250.000 Dollar hinaus, die als Einlagengarantie gilt. Wenn Anleger das für glaubhaft halten, und das scheinen sie im Moment zu tun, dann sollte das dazu beitragen, dass nicht noch mehr Kunden zu ihren Banken laufen und ihr Geld abheben, weil sie fürchten, es sonst zu verlieren.

ZEIT ONLINE: Was ist bei dieser Bankenkrise anders als 2007 und 2008, als die Weltfinanzkrise losging?

Steffen: Wir haben mit Sicherheit eine andere Ausgangslage, weil es jetzt nicht darum geht, dass in großem Maße wie damals sehr riskante Anlagen oder Kredite vergeben worden sind, die sich dann in den verschiedensten Portfolios gesammelt haben. Sondern es geht um ein traditionelles Problem, das die betroffenen Banken eigentlich hätten managen müssen. Und das nennt sich Zinsrisiko.

ZEIT ONLINE: Das ist ein Risiko, das sich im aktuellen Fall aus US-Staatsanleihen ergeben hat, in die die Bank investiert hatte. Als Laie würde man denken: Sind die nicht eigentlich supersicher? Man legt sein Geld zum Beispiel zehn Jahre lang in Staatsanleihen der US-Regierung an und bekommt dafür einen festen Zins.

Steffen: Im Prinzip sind Staatsanleihen sehr sicher. Wenn sie gehalten werden bis zum Ende ihrer Laufzeit, wird der Einleger ganz einfach komplett ausgezahlt. Die Silicon Valley Bank hat einen Teil ihres Geldes in Anleihen mit langer Laufzeit investiert. Das Problem ist nur, dass die Kunden jeder Bank ihr Geld von heute auf morgen abheben können. Wenn die Bank dann aber ihre Anleihen am Markt wieder verkaufen möchte, um sich Liquidität zu verschaffen, wird der aktuelle Wert dafür fällig. Der Marktwert einer Anleihe kann sinken, wenn die allgemeinen Zinsen steigen. Und das ist in den vergangenen Monaten passiert und wurde für die Bank jetzt zum Verhängnis.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären. Für die Bank ist das doch nur ein Problem, wenn sie ihre Kunden nicht auszahlen kann und dafür die Staatsanleihen wieder verkaufen muss.

Steffen: Es gibt zwei verschiedene Arten, wie die Bank solche Anleihen in ihrer Bilanz hält. Die Silicon Valley Bank hat etwa 20 Prozent der Anleihen in einem Portfolio gehabt, das mit dem aktuellen Marktwert bewertet wurde. Das hat also schon zu realen Verlusten geführt. Die anderen 80 Prozent der Anleihen sind in einem Portfolio, das nach den Kosten bewertet wird, die beim Kauf der Anleihe gezahlt wurden. Damit ergibt sich etwas, das man unrealisierte Verluste nennt. Nur wenn die Bank diese Anleihen jetzt zum Marktpreis verkaufen muss, hat sie also reale Verluste.

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ZEIT ONLINE: Und die Bank sah sich gezwungen, die Anleihen zu verkaufen.

Steffen: Ja, und zwar im großen Stil. Wenn Kunden ihr Geld zurückhaben wollen, muss die Bank zu Marktpreisen verkaufen. Und die Kunden waren keine kleinen Haushalte, sondern Unternehmen, Start-ups oder Investoren dieser Firmen, sodass gleich eine riesige Menge an Anleihen fällig war zum Verkauf.

ZEIT ONLINE: Das führt zur Frage, ob auch andere Anlagen für Banken zum Problem werden können, wenn die Zinsen steigen. Immobilienkredite wurden in den vergangenen Jahren zu sehr niedrigen Zinsen vergeben. Jetzt sind die Zinsen viel höher. Wie steht es um dieses Risiko?

Steffen: Das verhält sich ähnlich wie mit den Staatsanleihen. Wenn eine Bank einen Immobilienkredit auf zehn Jahre an einen Kunden vergibt und dafür einen bestimmten Zins für diese Zeit festschreibt, dann hat dieses Darlehen in der Bilanz der Bank einen bestimmten Wert. Steigen nun, wie aktuell, die Zinsen, ist das Darlehen auf dem Markt weniger wert, weil Immobilienkredite jetzt zu höheren Zinsen an die Kunden vergeben werden. Das ist so lange kein Problem für die Bank, solange nicht massenweise die Einleger ihr Geld vom Konto abheben wollen, wie jetzt bei der Silicon Valley Bank. Der Fehler der Silicon Valley Bank war, dass sie das Zinsrisiko nicht abgesichert hat, indem sie auf verschiedenen andere Anlageprodukte setzt – und nicht so stark auf Staatsanleihen. In der Regel sind europäische und deutsche Banken gegen diese Risiken besser abgesichert. Seit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren wurde hier auch in der Regulierung viel nachgebessert.

ZEIT ONLINE: Werden die Notenbanken angesichts dieser Zinsrisiken bei den Banken jetzt vorsichtiger agieren und die Leitzinsen weniger schnell anheben?

Steffen: Man sollte das getrennt betrachten. Die Erhöhung der Leitzinsen war letztlich nicht das Problem, sondern dass die Silicon Valley Bank nicht genügend darauf vorbereitet war. Aber es gehört zu den Grundaufgaben im Finanzsektor, sich gegen diese Zinsrisiken abzusichern. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass die Zentralbanken von ihrem Kurs in der Geldpolitik grundsätzlich abweichen werden. Im Moment kann man nicht sehen, dass die Inflation deutlich nachlässt. Der Arbeitsmarkt ist weiterhin sehr stark in den USA und Europa, was ein Zeichen dafür ist, dass auch die Inflation hoch bleibt. Die Zentralbanken werden weiterhin versuchen, das durch Zinserhöhungen aufzufangen.

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Author: William Smith

Last Updated: 1702515242

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